Stets ein wenig hungrig Ein Hintergrundgespräch mit Lippold v.Rössing
"Wer sich für zu klug hält, um sich mit Politik zu beschäftigen, muss damit leben, von Menschen regiert zu werden, die dümmer sind als er." Mit diesem Zitat von Aristoteles beantwortet der FDP-Kreisrat gerne die Frage, warum er sich der Politik verschrieben hat. Und fügt gleich noch hinzu: "Dass sich viel zu viele Men-schen für zu klug halten, sieht man an der Qualität der Regierenden ... ."
Seit den Kommunalwahlen im Frühjahr 2008 sitzt der Insolvenzverwalter aus Deggendorf für die Liberalen im Kreistag. Dort hat er bereits für Aufsehen gesorgt, als er beantragte, die Schulsituation im Landkreis zu untersuchen um Missstände zu beseitigen. "Die Ablehnung im Kreisausschuss hat mich nicht gewundert, denn die Haltung der CSU zu Veränderungen im Bildungswesen war stets - was nicht sein kann das nicht sein darf; Missstände werden totgeschwiegen. Damit ist jetzt aber Schluss: Die Staatsregierung sieht inzwi-schen großen Veränderungsbedarf und will gerade auf Kreisebene erreichen, dass "Dialogforen" vor Ort flexibel nach Lösungen suchen. Dem wird sich auch der CSU-geführte Kreistag nicht länger verschließen können" erläutert v.Rössing, der das Vorhaben auf jeden Fall weiter verfolgen will.
Der in Niedersachsen geborene Spross eines uradeligen Rittergeschlechts lacht, wenn er auf seine Herkunft und die damit allgemein angenommenen Privilegien angesprochen wird: "In unserer Familie gilt seit jeher der Grundsatz, dass der Familienbesitz nicht geteilt wird - der Erstgeborene kriegt alles, die anderen nichts - ich bin in der vierten Generation der Zweitgeborene - das ist nichts hoch vier!"
Allerdings sieht sich v.Rössing durchaus in der Tradition seiner Familie, die stets streitbar und auf Unabhän-gigkeit aus war: "Ein Rössing hatte immer zunächst Soldat zu sein, sodann Bauer - wenn er Landbesitz hat-te." So war auch der liberale Politiker zunächst sechs Jahre Soldat, u.a. in einer Elite-Einheit der NATO, die zur europaweiten Terrorbekämpfung vorgesehen war.
Da es keinen Hof zu übernehmen gab, wurde v.Rössing Rechtsanwalt, später Insolvenzverwalter. "Meine Aufgabe ist es, unabhängig und im Auftrag des Gerichts Lösungsmöglichkeiten für Menschen und Unter-nehmen in wirtschaftlichen Notlagen zu finden und diese auch umzusetzen" erläutert er seine berufliche Tä-tigkeit. Er habe dabei ein denkbar schlechtes Bild von Politikern gewonnen, die manchmal nur wenige Wo-chen vorher in den Betrieben beim Feiern gewesen seien, aber in der Stunde der Not verschwunden waren. Auch vermisse er oft ein Mindestmaß an Verständnis für wirtschaftliche Zusammenhänge, wenn sich Politi-ker in spektakulären Insolvenzfällen lautstark zu Wort meldeten.
Stolz ist v.Rössing darauf, dass es ihm gelungen ist, in den vergangenen Jahren manchen Betrieb im Land-kreis zu sanieren und Arbeitsplätze dauerhaft in der Region zu halten: "Wenn ein alteingesessenes Unter-nehmen wie Zierer in Neuhausen oder Lihotzky in Plattling nicht zerschlagen sondern fortgeführt wird, rettet dies hunderten von Menschen und einer Vielzahl von Lieferantenbetrieben dauerhaft die wirtschaftliche E-xistenz". Dabei habe er seine Heimat und die darin lebenden Menschen bestens kennen und ihren Mut, ihr Durchhaltevermögen und ihren Willen zu harter Arbeit aber auch ihren Eigensinn schätzen gelernt.
Politik bedeutet daher für v.Rössing, der Energie, Kreativität und dem Engagement der Bürger Freiraum zu geben statt durch staatliche Bevormundung die Lösung von Problemen zu behindern. "Hilfe der Gemein-schaft soll den Schwachen in der Gesellschaft vorbehalten bleiben, die Starken können für sich selbst sorgen - ein Staat, der sich um alles kümmert und allen "helfen" will ist totalitär und unbezahlbar".
Allerdings hat der Liberale keinerlei Verständnis für mancherorts geäußerte Forderungen nach einem weit-gehenden Rückzug des Staates; für romantische Träumereien sei in der Politik kein Platz: "Der Staat muss da, wo er gefordert ist, stark sein und sein Gewaltmonopol mit Macht durchsetzen: Äußere und innere Si-cherheit, Bürgerrechte und Freiheitsrechte, Justiz und Polizei, Rechtsetzung und Kontrolle - da darf es keine Schwäche geben, wenn nicht die Legitimität der Staatsgewalt leiden soll. Was man macht, soll man richtig machen - dieser Grundsatz gilt im privaten wie im öffentlichen Leben!"
Man sehe dies auch in der aktuellen Finanzkrise: Der Staat versuchte der bessere Banker zu sein - und schei-terte. Stattdessen hätte er der beste Kontrolleur sein müssen - dazu war er aber zu schwach und inkompetent!
Fazit: Der Staat solle sich in wenigen, notwendigen Dingen betätigen, dort aber wirksam, kraftvoll und effi-zient. Die staatlichen Ressourcen seien darauf zu konzentrieren. Im Übrigen habe sich der Staat aus den pri-vaten Belangen der Bürger herauszuhalten, so v.Rössing. Unfähigkeit wie in der Schaffung eines einfachen Steuerrechtes, bei der Bankenaufsicht oder bei der Beseitigung der Vorschriftenflut könne nicht länger hin-genommen werden.
Zwar werde dieses FDP-Programm von fast allen Fachleuten und großen Teilen der Bevölkerung für richtig weil notwendig erachtet, aber an der Durchsetzung mangele es noch erheblich, findet der Liberale. Bequeme-re wenn auch falsche Parolen kommen eben besser an. Es könne aber nicht die Aufgabe eines Politikers sein, die öffentliche Meinung abzuklopfen und dann das Populäre zu tun; Aufgabe der Politiker sei es, das Richtige zu tun und es populär zu machen - so wird der Alt-Bundespräsident Walter Scheel zitiert.
Hier sieht v.Rössing eine Herausforderung, der er sich stellen möchte: Liberale Politik in größtmöglicher Unabhängigkeit offensiv zu vertreten - diese Aussicht ist es, die ihm ein kämpferisches Glitzern in die Au-gen treibt. Gestützt auf eine starke örtliche Basis, verantwortlich den Menschen die ihn kennen und unter-stützen, so will v.Rössing ein Bundestagsmandat erringen und "richtige" Politik machen. Dafür werbe er und "will doch mal sehen, ob es so nicht auch geht..."
Privat lebt der verheiratete Vater zweier Kinder mit seiner Familie in der Gemeinde Grattersdorf. "Wir sind dort sehr warmherzig und offen aufgenommen worden - wozu vielleicht auch beigetragen hat, dass meine Schwiegermutter als Lehrerin hier in den letzten 25 Jahren eine ganze Generation von Schülern ausgebildet hat" schmunzelt der passionierte Reiter, der dort auch Pferde am Haus hält.
Überhaupt scheint Sport eine Leidenschaft des durchtrainiert wirkenden Liberalen zu sein: Ob "Klassiker" wie Laufen, Schwimmen, Schießen, Reiten und Fechten - v.Rössing trainierte diese Disziplinen des Moder-nen Fünfkampfes immerhin einmal im Nationalkader - oder "In-Sportarten" wie Beach-Volleyball und Ka-tamaran-Segeln im seltenen Urlaub - dem hochmotiviert wirkenden 43-Jährigen nimmt man seinen Wahl-spruch "stets ein wenig hungrig zu sein verhindert; dass man sich zu satt benimmt" durchaus ab - satt und selbstzufrieden wirkt er nicht.

