Beruf
Ich bin seit 1999 als Insolvenzverwalter und Treuhänder mit dem Schwerpunkt Sanierung von Unternehmen und Entschuldung von Privatpersonen tätig. Einen Einblick in meine Arbeit lässt sich aus der Zeitungs-Chronik über die Insolvenz der Firma Zierer in Neuhausen gewinnen.
PASSAUER NEUE PRESSE vom Donnerstag, 24. Januar 2002
Zierer: Seit Mittwoch wird wieder gearbeitet
Hausbank lässt Firma nicht hängen
Von Michaela Arbinger Neuhausen. Seit Mittwoch wird in der Firma Zierer wieder gearbeitet. Allerdings müssen die 120 Mitarbeiter vorerst auf ihre Löhne verzichten. "Ich kann noch nicht sagen, wohin die Reise geht", sagt der vorläufige Insolvenzverwalter Lippold Freiherr von Rössing. Gute Nachricht: Die Hausbank lässt das Unternehmen nicht hängen.
Wie berichtet, hatte der Neuhausener Karussellbauer Mitte Januar Antrag auf Insolvenz gestellt. Seitdem durchforstet der Deggendorfer Anwalt von Rössing die Unterlagen. Die Firma unterteilt sich in eine GmbH und in eine OHG. Die OHG ist die Eigentümerin der Grundstücke. Die Gesellschaft hat den gesamten Geschäftsbetrieb über. Gesellschafter sind Josef Zierer und die MFI-GmbH, die wiederum eine hundertprozentige Tochter der thailändischen GPI-GmbH ist. GPI steht für Global Park Industries.
Dass Zierer so tief in der Krise steckt, hat mehrere Gründe. Vor allem der Neubau der Fahrgeschäfte - das Hauptstandbein des Unternehmens - hat ein großes Loch in die Finanzen gerissen. "Der Markt für neue Fahrgeschäfte ist übersättigt", verdeutlicht von Rössing. Weltweit seien zu viele Vergnügungsparks gebaut worden. Die Asienkrise Mitte der 90-er Jahre traf die Neuhausener schwer, schließlich ist Japan ein wichtiger Markt für die Branche. Malaysia, Thailand und die Philippinen stecken seit 1997 in der Krise. Von Rössing: "Ende der 90-er Jahre war die Hälfte des Marktes weggebrochen." Also setzte Zierer auf Amerika, baute für den Disneypark, aber auch für Legoland. 1999 holte Josef Zierer die MFI-GmbH als Investor mit ins Boot. Doch schon Anfang 2001 wurden die Aufträge weniger. Die Terroranschläge vom 11. September besorgten den Rest. "Kompletter Auftragsstopp", beschreibt der vorläufige Insolvenzverwalter. Die Konsequenz: Nach der Weihnachtspause brauchten die 120 Mitarbeiter nicht an ihre Arbeitsplätze zurückzukehren.
Seit der Betriebsversammlung vom Dienstag wissen die Mitarbeiter Bescheid. Am Mittwoch kehrten sie an ihre Arbeitsplätze zurück. Zu tun gibt es jede Menge. Ein sogenannter "Wellenflieger" - ein Auftrag eines deutschen Schaustellers - muss bis Ende Februar fertig sein. Auch der Bereich "Service und Wartung" geht weiter. Lohn wird keiner ausbezahlt. Wenn über die Insolvenz entschieden ist, gibt es drei Monate rückwirkend Insolvenzgeld. Neue Aufträge kann die Firma nur noch über Vorkasse abwickeln. "Die Hausbank lässt das Unternehmen aber nicht hängen", ist der vorläufige Insolvenzverwalter froh, "sie hat uns mehrere 100000 Mark in Aussicht gestellt." Die Neuhausener werden Federn lassen müssen: "Die überwiegende Zahl der Mitarbeiter wird wohl im Laufe des Jahres keine Stelle mehr haben", bedauert von Rössing. Doch schon jetzt haben sich bei ihm Interessenten gemeldet, die hochqualifizierte Mitarbeiter suchen.
Die besten Chancen gibt der Fachmann den Bereichen "Service und Wartung" sowie der Aufarbeitung von gebrauchten Fahrgeschäften. Pluspunkte sieht er zudem in den Mitarbeitern, der guten Qualität und in der Erfahrung und Marktkenntnis der Geschäftsführung. "Josef Zierer hat weltweit einen guten Ruf und kennt alle maßgeblichen Leute." Ende Februar wird das Gericht über den Insolvenzantrag entschieden haben. Von Rössing rechnet mit der Eröffnung des Verfahrens. "Dann stellt sich heraus, wie es mit der GmbH laufen könnte." Und die OHG? "Da werden in Neuhausen voraussichtlich Gewerbeflächen frei."
PASSAUER NEUE PRESSE vom Donnerstag, 28. Februar 2002
Entscheidung am Freitag
Neuhausen (mic). Kommt eine Auffanggesellschaft? Bei der Firma Zierer geht es bei einer Betriebsversammlung am Freitag um 10 Uhr um alles oder nichts. "Jeder Mitarbeiter kann bei der Entstehung einer Fortführungsgesellschaft mithelfen", sagt der vorläufige Insolvenzverwalter, Lippold Freiherr von Rössing. "Wir stecken in einer ganz schwierigen Phase." Doch noch sei nicht ausgeschlossen, "überlebensfähige Sparten neu zu ordnen".
PASSAUER NEUE PRESSE vom Samstag, 2. März 2002
Auffanggesellschaft übernimmt einen Teil der Firma Zierer
20 Mitarbeiter werden übernommen - Insolvenzverfahren eröffnet
Neuhausen (bkk). "Hochachtung" hat Zierers Insolvenzverwalter Lippold Freiherr von Rössing vor den gut hundert Mitarbeitern der Karussellfirma. Sie hätten maßgeblich dazu beigetragen, dass der Betrieb in neuen Händen nun zum Teil weitergeführt wird.
Freitagmorgen 8 Uhr war das Insolvenzverfahren eröffnet worden. Um 10 Uhr trafen sich die 110 Mitarbeiter zu einer Betriebsversammlung. Ergebnis: Fast alle Arbeitnehmer unterschrieben Aufhebungsverträge, in denen sie freiwillig auf eine Beendung des Arbeitsverhältnisses verzichteten. Damit machten sie den Weg frei für eine Auffanggesellschaft. Die Firma Streicher leitet die sogenannte "Zierer Karussell- und Spezialmaschinenbau GmbH". Sie kümmert sich um Reparatur und Wartung der 500 Zierer-Fahrgeschäfte, die weltweit aufgestellt sind. "Circa 20 Mitarbeiter werden übernommen", schätzt der Insolvenzverwalter. 15 weitere hätten gestern bei anderen Firmen Verträge unterzeichnet. "Einige konnten wir bereits anders wo vermitteln." Drei der sieben Lehrlinge haben noch keine neue Stelle gefunden. Zwei davon würden von Streicher übernommen.
"Wir haben alle an einem Strang gezogen", erzählte von Rössing gestern zufrieden. Obwohl die Mitarbeiter von den letzten drei Monatsgehältern plus Weihnachtsgeld noch keinen Cent gesehen haben, hätten sie in den vergangenen Wochen Großes geleistet. Damit sie sich trotz des fehlenden Lohns über Wasser halten konnten, hat der Insolvenzverwalter mit den Banken günstige Kredite ausgehandelt. Erst gestern stellten die noch immer motivierten Mitarbeiter den letzten Auftrag, einen "Wellenflieger", fertig.
Wie hoch die Abfindung für die Mitarbeiter der mit rund 9 Millionen Euro verschuldeten Firma Zierer ausfallen wird, hängt laut von Rössing davon ab, "wieviel erlöst wird". Der Betriebsrat arbeite in der nächsten Woche einen neuen Sozialplan aus, in dem er den Prozentsatz dafür festlegt.
Für Lippold Freiherr von Rössing ist die Sache Zierer noch nicht abgeschlossen. Er muss dafür sorgen, dass Vermögensgegenstände wie zum Beispiel Maschinen und gebrauchte Fahrgeschäfte verkauft werden. Außerdem stehen noch etliche Forderungen - nicht bezahlte Rechnungen in Höhe von etwa einer Million Euro - aus.
PASSAUER NEUE PRESSE vom Mittwoch, 24. April 2002
Streicher: Neue Perspektiven in Neuhausen
Umzug nach Niederwinkling geplatzt? - Zierer-Gelände als Alternative
Neuhausen (mic). Die Streicher KG bleibt dem Landkreis Deggendorf nun offenbar doch ganz erhalten. Statt mit einem Teil des Betriebs nach Niederwinkling auszuwandern, will sich das Unternehmen jetzt in Neuhausen einrichten - auf Grundstücken der Firma Zierer und des Klosters Metten.
"Der Streicher KG wird es in Deggendorf zu eng": Ende Januar hatte diese Schlagzeile für einigen Wirbel gesorgt. Das Unternehmen mit insgesamt 1700 Mitarbeitern an verschiedenen Standorten kündigte an, mit rund 150 Mitarbeitern nach Niederwinkling zu gehen. Der Grund: Die Firmenstrategen hatten in Deggendorf kein geeignetes Grundstück gefunden. Ganz im Gegenteil zur Gemeinde Niederwinkling. Hier wurde der Streicher KG ein 90000 Quadratmeter großes Grundstück auf dem Silbertablett serviert.
Doch die Niederwinklinger müssen wohl auf Streicher verzichten. Die Insolvenz der Neuhausener Firma Zierer eröffnete der KG neue Perspektiven - näher an Deggendorf. Noch im März gründete Streicher eine Tochtergesellschaft, die 25 Mitarbeiter und einige Anlagegüter des Karussellbauers übernahm.
Doch nicht nur diese Ressourcen sind für Streicher interessant. Das Zierer-Betriebsgrundstück umfasst rund 52000 Quadratmeter. Das allein wäre nicht groß genug für Streicher. Gleich in der Nachbarschaft würde sich ein 30000 Quadratmeter großer Teil eines Grundstücks des Klosters Metten anbieten. Die Verhandlungen laufen. "So etwas muss im Konvent-Kapitel beraten werden", erklärt Cellerar Frater Markus. Er rechnet in den nächsten vierzehn Tagen damit. Dass der Vertrag mit dem Kloster zustande kommt, ist wahrscheinlich. Auf den 30000 Quadratmetern wird keine Landwirtschaft mehr betrieben. Was würde das Kloster mit dem eingenommenen Geld anfangen? "Auch in 100 Jahren sollen die Mönche noch von etwas leben können. Wir müssen schauen, dass wir woanders ein Grundstück erwerben können, mit dem wir etwas anfangen können." Das Kloster verfügt insgesamt über rund 200 Hektar landwirtschaftliche Fläche; 140 Hektar davon werden bewirtschaftet.
Wenn die Verträge unterzeichnet sind, hat Zierer-Insolvenzverwalter Lippold Freiherr von Rössing einen guten Job gemacht. "Der Vertrag über die 52000 Zierer-Quadratmeter liegt bei mir auf dem Tisch. Ich hoffe, dass eine Einigung mit dem Kloster zustande kommt."
Von diesem Geschäft würde auch die Gemeinde Offenberg profitieren. Schon allein wegen der Arbeitsplätze, die den Gemeinderäten und Bürgermeister Ludwig Kandler besonders am Herzen liegen. Kandler: "Wir tun alles, damit Streicher kommt. Das ist eine tolle Sache." Weil im Fall des Falles die Erschließungsstraße verbreitert werden muss, hat das Gremium bei der Sitzung am Montagabend diesbezüglich schon einmal einen einstimmigen Beschluss gefasst. Käufer, Verkäufer, Bank, Gemeinde und Landratsamt - alle Rädchen greifen gut ineinander. Auch Landrat Dr. Georg Karl hätte Streicher nicht gerne in den Nachbarlandkreis ziehen sehen: "Es ist klar, dass man in so einem Fall alles tut, was in seiner Macht steht."
PASSAUER NEUE PRESSE vom Mittwoch, 15. Mai 2002
Firma Streicher geht endgültig nach Neuhausen
Tochterfirma behält Namen "Zierer Karussell- und Spezialmaschinenbau GmbH"- Kloster Metten hat Grundstück verkauft
Deggendorf (she). Nun ist es amtlich: Die Firma Streicher hat gestern die Grundstücksverträge unterzeichnet. Dem Umzug nach Neuhausen steht nichts mehr im Weg.
Das war eine freudige Nachricht, die Landrat Christian Bernreiter gestern Nachmittag im Landratsamt verkündete: Am Vormittag hatte der Geschäftsführer der Streicher AG, Hubert Ruderer, die Grundstücksverträge vor dem Notar perfekt gemacht.
Wie berichtet, erwarb die Firma Streicher das etwa 53000 Quadratmeter große Betriebsgelände der Pleite gegangenen Firma Zierer in Neuhausen. Um den Platzbedürfnissen der StreicherAG zu genügen, hat auch das Kloster Metten ein etwa 30000 Quadratmeter großes Grundstück verkauft. "Dem Kloster ist es nicht leicht gefallen, sich von seinem Besitz zu trennen. Da steht die Gemeinde in seiner Schuld", so Offenbergs Bürgermeister Nikolaus Walther, der neben Insolvenzverwalter Lippold Freiherr von Rössing und dem Leiter des Insolvenzgerichts, Kurt Müller, ebefalls zur Pressekonferenz ins Landratsamt gekommen war.
Mit dem Grunderwerb hat das Unternehmen genügend Platz, sich in Neuhausen dauerhaft ein zweites Standbein neben dem Firmensitz in Hengersberg zu schaffen. Die Rede ist von der Auslagerung von Teilen der Werkstatt und des Bauhofs. Zudem hat die Firma Streicher in der Tochtergesellschaft "Zierer Karussell-und Spezialmaschinenbau GmbH den Wartungsbereich und 25 der einstmals 113 Mitarbeiter der Firma Zierer übernommen.
"Wir sind äußerst glücklich darüber, dass die Sache noch zu so einem glücklichen Ende gekommen ist", so Walther. Insolvenzverwalter von Rössing ließ noch einmal die Ereignisse nach dem Insolvenzantrag der Firma Zierer Revue passieren. Er zollte allen Beteiligten großes Lob für die Bemühungen um eine gute Lösung. Ausdrücklichen Dank zollte er auch Walthers Vorgänger Ludwig Kandler sowie Altlandrat Dr. Georg Karl, die sich bis zum Ende ihrer Amtszeit ebenfalls sehr stark engagiert hätten.
Während Landrat Bernreiter die gute Nachricht bekanntgab, war Geschäftsführer Ruderer in den Landkreis Straubing-Bogen unterwegs, um der Gemeinde Niederwinkling abzusagen. Hier war die StreicherAG an einem Grundstück interessiert gewesen, bevor sich die Lösung mit der Firma Zierer angeboten hatte.

